Ein paar Hocker, ein Teppich, etwas Holunderwasser und Fragen auf pinkem Papier. Mehr braucht es eigentlich nicht.
Wir stellen die Hocker vor das RealLabor, schreiben unsere Fragen darauf und setzen uns dazu. Setz dich zu mir. Ganz einfach. Keine Anmeldung, kein Programm, keine Eintrittskarte. Wer vorbeikommt, kann sich dazusetzen. Und erzählen, zuhören, fragen oder einfach ein bisschen bleiben.
An vier sonnigen Nachmittagen im August haben wir genau das ausprobiert. Und wieder einmal gemerkt, wie viel entstehen kann, wenn Menschen einfach miteinander ins Gespräch kommen.
Da sitzt plötzlich eine Familie aus der Schweiz bei uns. Wir sprechen über Schule und darüber, was es bedeutet, wenn Kinder selbst denken sollen. Die Tochter widerspricht sofort und erzählt von ihren eigenen Erfahrungen. „Stress!“ schreibt sie auf unsere pinke Karte. Und schon sind wir mitten in einem Gespräch darüber, was gute Schule eigentlich ausmacht.
Kurz darauf sitzt Marianne bei uns. Es geht nicht um Schule, sondern um ihre Rente und fehlende Unterlagen aus der DDR. Wir suchen gemeinsam eine Beratungsstelle heraus und laden sie ein, uns zu erzählen, wie die Sache ausgegangen ist.
Katharina aus der Ukraine kommt mit ihrer kleinen Tochter. Sie ringt manchmal um die richtigen deutschen Worte und erzählt trotzdem. Eine Gruppe junger Menschen aus Iran und Irak spricht über ihre Träume und darüber, was es bedeutet, hier in Deutschland ohne Krieg leben zu können. Menschen aus Nepal erzählen von Ritualen aus ihrer Heimat. Eine junge Französin bleibt stehen, begeistert sich für die Fragen und möchte die Idee mit in ihre Stadt nehmen.
Und dann sind da die Jugendlichen aus dem Leipziger Osten.
Beim ersten Mal kommen vier Jungs einfach dazu. Sie erzählen uns mit leuchtenden Augen von guten Dingen, die sie getan haben, wollen wissen, was sie für uns tun können, und holen immer wieder andere junge Menschen dazu. Eine kleine Runde wird größer. Nach jeder Antwort auf unsere Frage „Was ist dein Zwiespalt?“ wird dreimal geklatscht. Irgendwann machen es alle.
Am Ende wollen die Jungs unbedingt noch ins RealLabor. Einer nimmt oben im Podcastraum die Gitarre und plötzlich wird gesungen. Laut, herzlich und mit voller Energie.
Und wir merken: Wie schnell wir manchmal aus Energie etwas machen, vor dem wir uns schützen müssen. Dabei kann dieselbe Energie auch etwas ganz anderes hervorbringen: Musik, Lachen, Neugier und Gemeinschaft.
Beim nächsten Termin kommen wieder Jugendliche dazu. Diesmal ist die Runde größer und bunter. Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Schulen, eine Lehrerin, eine Referendarin und Menschen, die eigentlich nur kurz vorbeischauen wollten. Wir fragen: Was belastet dich? Was wünschst du dir? Wie fühlst du dich gerade?
Es wird deutlich, wie viel die jungen Menschen mit sich herumtragen. Und gleichzeitig entsteht etwas zwischen ihnen. Sie schreiben mit Straßenkreide auf das Pflaster, erzählen und lachen.
Mitten in diesem bunten Durcheinander sitzt Melanie, eine Oberschullehrerin aus Wurzen. Sie ist extra gekommen, um über Schultransformation zu sprechen. Aus dem Nachmittag entsteht direkt eine neue Verbindung: Sie möchte mit ihren Kolleg wiederkommen und mehr über Schultransformation und ResonanzRäume erfahren.
Und auch für Katrin aus Nürnberg verändert sich an diesem Nachmittag etwas. Sie arbeitet gerade daran, ein RealLabor in Nürnberg aufzubauen. Durch „Setz dich zu mir“ wird plötzlich klar: Vielleicht braucht es dafür gar nicht zuerst einen fertigen Raum. Das Setting selbst kann ein RealLabor sein. Im öffentlichen Raum, mitten im Leben.
Aus dem Gedanken wird direkt Praxis. Wir sprechen über Hocker, Haltungswandelkarten, Plakate und Herzfeld. Darüber, was wir gemeinsam nutzen können und was wir nicht alle neu anschaffen müssen. Wissen, Material und Erfahrungen werden geteilt. Katrin wird ihre Masterarbeit nun nicht nur theoretisch schreiben, sondern daraus ein Praxis-Handbuch für RealLabore entwickeln.
Genau das ist es, was wir an diesen Nachmittagen so besonders finden: Wir wissen vorher nicht, wer kommt und was entsteht.
Manchmal bleibt jemand nur für zehn Minuten. Manchmal für Stunden. Manchmal entsteht ein Gespräch über Schule, manchmal über Geld, Krieg, Zukunft oder die Frage, was einen Menschen gerade beschäftigt. Manchmal wird einfach Musik gemacht.
Und manchmal sagt jemand beim Gehen: „Bis zum nächsten Mal.“
Dann wissen wir: Wir sehen uns wieder.
Und deshalb stellen wir die Hocker wieder raus.
Am 17. und 18. September geht „Setz dich zu mir“ in die nächste Runde. Jeweils ab 15 Uhr stehen wir wieder vor dem RealLabor Leipzig.
Kommt vorbei, setzt euch dazu und bringt gerne eure Fragen, Gedanken und Geschichten mit. Wir freuen uns auf euch.










