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PISA 2025: Deutschland so schlecht wie nie.

Die Zahlen wurden heute veröffentlicht, und sie sind alarmierend: Die 15-Jährigen in Deutschland erzielen in Naturwissenschaften, im Lesen und in Mathematik die niedrigsten Ergebnisse seit Beginn der PISA-Studien im Jahr 2000. Prof. Samuel Greiff, der den deutschen Teil der Studie leitet, spricht von einem „eindeutigen Abwärtstrend".
Das ist keine Randnotiz. Der Wohlstand in Deutschland beruht maßgeblich auf guter Bildung: Sie ist der eigentliche Wirtschaftsmotor des Landes. Wenn dieser Motor über Jahre an Kraft verliert, betrifft das nicht nur einzelne Schulkarrieren, sondern die Zukunftsfähigkeit der gesamten Gesellschaft.

Für uns zeigt PISA 2025 vor allem, wem dieses System am wenigsten gerecht wird.
 

Was die Studie zeigt: Ein historischer Tiefstand

An der Erhebung 2025 nahmen weltweit rund 760.000 Schüler:innen aus 91 Staaten teil, in Deutschland rund 6.700 Jugendliche an rund 250 Schulen aller Schularten. Die Ergebnisse für Deutschland im Überblick:

  • Naturwissenschaften: 486 Punkte (OECD-Schnitt: 482, EU-Schnitt: 476)
  • Lesen: 465 Punkte (OECD: 461, EU: 451)
  • Mathematik: 464 Punkte (OECD: 463, EU: 460)
  • Modellbasiertes Problemlösen (neu erhoben als Teil von „Lernen in der digitalen Welt"): 498 Punkte (OECD: 500, EU: 492)

Auf den ersten Blick liegt Deutschland damit im OECD-Durchschnitt, in Naturwissenschaften und Lesen sogar leicht darüber. Das eigentliche Problem zeigt sich in der Entwicklung über die Zeit: In den Naturwissenschaften liegt Deutschland erstmals seit 2006 nicht mehr signifikant über dem OECD-Durchschnitt, und die absoluten Werte sind so niedrig wie nie zuvor seit Beginn der Studienreihe.
Besonders deutlich wird das am Anteil der Jugendlichen ohne ausreichende Basiskompetenzen, also jener, die nicht einmal Kompetenzstufe II erreichen und damit laut PISA-Definition Schwierigkeiten haben dürften, Anforderungen in Ausbildung, Beruf und Alltag sicher zu bewältigen:

  • In den Naturwissenschaften betrifft das inzwischen etwa ein Viertel der Jugendlichen.
  • In Lesen und Mathematik ist es sogar ein Drittel, in beiden Bereichen hat sich dieser Anteil seit 2015 verdoppelt.
  • Rund ein Fünftel der 15-Jährigen in Deutschland verfügt in keinem einzigen der drei Bereiche über ausreichende Basiskompetenzen.

Gleichzeitig schrumpft die Spitze: Der Anteil der Jugendlichen mit besonders hohen Kompetenzen ist in allen drei Bereichen auf unter 10 Prozent gesunken. Nur noch 3 Prozent erreichen in allen drei Bereichen die höchsten Stufen. „Die Kompetenzverluste beschränken sich nicht auf bestimmte Leistungsbereiche oder auf einzelne Gruppen von Schülerinnen und Schülern, sondern sind über das gesamte Leistungsspektrum zu beobachten", betont Greiff.

Herkunft entscheidet stärker denn je

So ernüchternd diese Zahlen sind, der eigentliche Kern der Studie liegt woanders. PISA 2025 zeigt, dass die soziale Herkunft so stark über den Lernerfolg entscheidet wie nie zuvor seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2000. Betrachtet man soziale Herkunft, Zuwanderungshintergrund und Geschlecht gemeinsam, ist die soziale Herkunft mit Abstand der wichtigste Faktor.
Die Zahlen dahinter sind hart:
Nur 2 Prozent der Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien erreichen hohe naturwissenschaftliche Kompetenzen. Bei Jugendlichen aus privilegierten Familien sind es rund 25 Prozent.
Dieser Zusammenhang ist in Deutschland etwa dreimal so stark wie in Kanada und doppelt so stark wie in Dänemark oder Norwegen, in kaum einem anderen teilnehmenden Staat ist er derart ausgeprägt.
Anders als im OECD- und EU-Durchschnitt hat die Kompetenzlücke nach sozialer Herkunft in Deutschland seit 2015 wieder zugenommen, nachdem sie zwischenzeitlich leicht zurückgegangen war.
Prof. Greiff formuliert das in der Pressemitteilung unmissverständlich: „Die Chancen auf Bildungserfolg sind in Deutschland ausgesprochen ungleich verteilt. Wir können es uns als Gesellschaft nicht leisten, dass so viele Talente ungenutzt bleiben."
Eine weitere Zahl sagt aus unserer Sicht viel über das System selbst aus: Schüler:innen an Gymnasien erreichen in allen drei Kompetenzbereichen deutlich höhere Werte als Schüler:innen an nicht-gymnasialen Schularten, in den Naturwissenschaften etwa 574 gegenüber 446 Punkten, im Lesen 552 gegenüber 427, in Mathematik 540 gegenüber 430.


Ein Schulsystem, das Kinder im Alter von neun oder zehn Jahren nach Schularten sortiert, trifft diese Entscheidung nie in einem luftleeren Raum. Sie fällt in genau dem Alter, in dem sich familiäre Unterstützung, Sprachförderung zu Hause oder schlicht Zeit und Ruhe zum Lernen am stärksten unterscheiden, also entlang der sozialen Herkunft. Ein früh selektierendes System sortiert damit nicht in erster Linie nach Potenzial, sondern verstärkt strukturell genau die Ungleichheit, die es eigentlich auffangen müsste.

Kein Reparaturbetrieb, sondern ein Haltungswandel

Der PISA-Bericht formuliert zu jedem seiner vier Teile eigene Handlungsoptionen für die Politik, etwa zur datengestützten Steuerung von Kompetenzförderung oder zur frühzeitigen, verbindlichen Diagnostik. Zwei Empfehlungen treffen sich besonders genau mit unserer Haltung: Zum Thema Bildungsungleichheit rät das PISA-Team, Ganztagsschulen gezielt pädagogisch zu nutzen, nicht nur als Betreuungsangebot, sondern als echten zusätzlichen Lern- und Lebensraum. Und zu den sozial-emotionalen Ergebnissen empfiehlt der Bericht, Schule als ganzheitlichen Lebens- und Entwicklungsraum zu gestalten. Beides ist im Kern das, was wir als Whole School Approach verstehen.
Für uns sollte die eigentliche Konsequenz aus PISA 2025 deshalb nicht sein, an einzelnen Stellschrauben des bestehenden Systems zu drehen. Es braucht einen echten Haltungswandel: eine Schule, die sich nicht mehr in erster Linie daran misst, wie gut sie Kinder auf ein bestehendes System vorbereitet, sondern daran, wie gut sie deren Potenziale zur Entfaltung bringt. Das ist auch der Kern von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und der vier UNESCO-Säulen: Lernen, Wissen zu erwerben, lernen zusammenzuleben, lernen zu handeln, lernen zu sein.
Konkret heißt das: weg von der Fixierung auf Klassenverband, Frontalunterricht und starre Fächergrenzen, hin zu Formaten wie Lernbüros, in denen Schüler:innen eigenverantwortlich und im eigenen Tempo arbeiten, dem Schulfach Verantwortung, in dem sie reale Aufgaben im Gemeinwesen übernehmen, dem Schulfach Herausforderung, in dem sie über sich hinauswachsen, und dem FREI DAY, an dem sie sich einen Schultag lang mit selbst gewählten, echten Problemen der Welt beschäftigen. Diese Formate wurden vor Jahrzehnten von Margret Rasfeld entwickelt; wir im RealLabor Leipzig unterstützen Schulen dabei, sie einzuführen und umzusetzen.
Diese Formate sind nicht einfach "netter". Sie setzen genau da an, wo PISA 2025 die größte Lücke aufzeigt: bei Beziehung, Selbstwirksamkeit und echten eigenen Fragen. Das sind Dinge, die nicht vom Bildungsgrad oder Einkommen der Eltern abhängen, sondern die eine Schule selbst gestalten kann. Dazu passt eine weitere Handlungsoption aus dem Bericht: die Lehrkräfteprofessionalisierung an veränderte Anforderungen auszurichten. Der Rollenwechsel von der Lehrkraft zur Lernbegleitung ist selbst eine Kompetenz, die Zeit, Fortbildung und Unterstützung braucht.

Leistung braucht Sinn

Margret Rasfeld bringt unsere es auf den Punkt: „Wer Leistung will, muss Sinn anbieten."
Nachhaltige Leistung entsteht nicht durch Druck, sondern durch Sinn, Beziehung und Selbstwirksamkeit. Kinder und Jugendliche leisten mehr, wenn sie Verantwortung übernehmen dürfen, eigenen Fragen nachgehen können und erleben, dass ihr Lernen tatsächlich etwas bewirkt.
PISA 2025 selbst liefert dafür einen Hinweis. Die Studie fragt Schüler:innen danach, wie sie die Qualität ihres Unterrichts erleben. Ergebnis: Klassenführung und konstruktive Unterstützung durch die Lehrkraft werden von Schüler:innen in Deutschland schlechter eingeschätzt als im OECD-Durchschnitt. Mit anderen Worten: Genau die Beziehungsqualität, aus der laut Rasfeld nachhaltige Leistung erwächst, wird von den Schüler:innen selbst als unterdurchschnittlich erlebt. Das ist wenig überraschend: Im Gleichschritt des klassischen Frontalunterrichts ist es für eine einzelne Lehrkraft kaum leistbar, auf 25 bis 30 unterschiedliche Lernstände und Fragen gleichzeitig einzugehen. In Lernformaten, in denen Schüler:innen selbstständig arbeiten, etwa im Lernbüro oder im Peer-to-Peer-Lernen, entsteht dagegen genau der Freiraum, den es für echte Unterstützung braucht: Lehrkräfte können sich Zeit für einzelne Fragen nehmen, statt im Gleichschritt durch den Stoff zu führen.
Gleichzeitig zeigt die Studie auch etwas Ermutigendes: Schüler:innen in Deutschland berichten 2025 von deutlich mehr Freude und Interesse an Naturwissenschaften als noch 2015 und liegen damit inzwischen im internationalen Durchschnitt. Die Studie zeigt zudem einen klaren Zusammenhang: Höhere Selbstwirksamkeitserwartungen, mehr Freude und Interesse sowie positivere naturwissenschaftsbezogene Überzeugungen gehen jeweils mit höheren Kompetenzen einher. Genau an diesem Hebel setzt der FREI DAY an: Er schafft die Erfahrung, mit dem eigenen Handeln tatsächlich etwas zu bewirken.

Selbstwirksamkeit als Schlüssel, auch für die Demokratie

Wenn Jugendliche im Schulfach Verantwortung oder am FREI DAY reale Aufgaben übernehmen, eigene Lösungen entwickeln und erleben, dass ihr Handeln einen Unterschied macht, lernen sie etwas, das weit über die einzelne Aufgabe hinausreicht: dass Mitgestaltung möglich ist. Das ist im Kern die wichtigste Form von Demokratiebildung, die Schule leisten kann, nicht als eigenes Fach, sondern als tägliche gelebte Erfahrung.
Auch hier gibt PISA 2025 einen wichtigen Hinweis: Das schulische Zugehörigkeitsgefühl unterscheidet sich in Deutschland deutlich nach sozialer Herkunft. Etwa drei von vier Jugendlichen fühlen sich insgesamt ihrer Schule zugehörig, doch Schüler:innen mit niedrigerer sozialer Herkunft berichten ein spürbar geringeres Zugehörigkeitsgefühl und etwas häufiger von Bullyingerfahrungen als Jugendliche aus privilegierteren Familien. Wer sich nicht zugehörig fühlt, dem fällt es ungleich schwerer, Selbstwirksamkeit zu entwickeln.

Was es jetzt braucht

PISA 2025 zeigt kein neues Problem, sondern bestätigt mit erschreckender Klarheit, was viele in und um Schule seit Jahren beobachten: ein System, das immer mehr Jugendliche zurücklässt, und das ausgerechnet jene am wenigsten auffängt, die am meisten Unterstützung bräuchten.
Die Antwort darauf ist nicht mehr vom Gleichen: mehr Druck, mehr Tests, mehr Sortierung. Es braucht eine Schule, die Kindern und Jugendlichen unabhängig von ihrer Herkunft echte Beziehung, echte Verantwortung und echten Sinn anbietet. Formate wie Lernbüros, das Schulfach Verantwortung, das Schulfach Herausforderung und der FREI DAY zeigen an immer mehr Schulen, dass das möglich ist, nicht als Ersatz für Leistung, sondern als ihre Voraussetzung.
Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, wie diese Lernformate an Schulen konkret aussehen können, schaue dir gerne unsere HERZFELD Broschüre an, in der die neuen Lernformate und der Haltungswandel in wenigen Sätzen beschrieben wird.  

Herzfeld - Für Schulen im Aufbruch

Quellen: