Mit ihrer Aktion „Schule macht krank“ wollte ein Bündnis aus Schülerinnen, Schülern und Unterstützer am Montag in Leipzig für Missstände im Bildungssystem sensibilisieren. Sind die Hinweise auf Leistungsdruck, „Bulimie-Lernen“ und Ängste gerechtfertigt oder überzogen? Für unseren Autor liegt der Fall klar.
Leipzig. Einige Menschen werden den Aufschrei „Schule macht krank“ überzogen finden. „Wir haben es ohne Jammern geschafft“ und „Die Jugend von heute ist verweichlicht“, so die Standard-Reaktionen. Wer Kinder in schulpflichtigem Alter und Einblick in deren Stundenpläne sowie Aufgabenspektrum hat, dürfte widersprechen.
Zugegeben: Als Vater zweier Kinder habe ich mich früher gefragt, ob ihre Klagen über Stress, Überforderung und Angst vor schulischem Versagen nicht übertrieben waren. Inzwischen weiß ich, dass genau diese Angst an manchen Einrichtungen mehr gefördert wird als die Ermutigung zu selbstbewusstem Denken und Handeln. Unser Schulsystem peitscht viel zu dicke Lehrpläne in zu wenig Zeit durch, von teils überlastetem oder demotiviertem Lehrpersonal.
Was wir Kindern vorleben
Und ja, vergleichen wir doch mal unsere Schulzeit mit der heutigen: War der Alltag früher ziemlich entschleunigt, besteht er heute aus Updates und der Nötigung, mehrere Messenger gleichzeitig zu bespielen. Aus der Atemlosigkeit „sozialer“ Medien, die Fläche für Mobbing sind und die Makellosigkeit als Wert vermitteln. Nicht zuletzt erleben unsere Kinder an uns Älteren, was Überforderung anrichten kann: Burnout, Phobien, Depressionen. Und dann wundern wir uns, wenn die junge Generation den Wunsch nach einer Work-Life-Balance äußert? Sie lernt doch selbst in der Schulzeit, wie Leistungsdruck einen auslaugt.
Nehmen wir jetzt noch die psychischen Folgen durch Corona und die Existenzangst durch den Klimawandel hinzu. Wie würden wir mit solchen Aussichten ins Leben starten? Es ist wichtiger denn je, bei jungen Menschen Kreativität zu fördern, statt Formeln und unzeitgemäßen Stoff in ihre Köpfe zu prügeln, den sie schnell wieder vergessen. Klar, nicht nur das System Schule ist krank. Aber sie ist ein wichtiger Ort, um Veränderungen zu ermöglichen.

