Medienbericht

Lernen fürs Leben – leistet das die Schule von heute?

Lernen fürs Leben – leistet das die Schule von heute?

Am Sonntag enden die Sommerferien. Doch viele Schülerinnen und Schüler fühlen sich ausgelaugt. Die Corona-Folgen wirken nach, doch die Probleme liegen tiefer. Immerhin: Neue Ansätze wie das Projekt „Frei Day“ machen Hoffnung auf Besserung.

Leipzig. Die Kritik ist fast 2000 Jahre alt. „Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir“, ätzte der römische Philosoph Seneca. Heute wird der Satz meistens umgedreht: „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.“ Die Weisheit hört sich gut an – aber ihre Halbwertszeit könnte sich mal wieder als kurz erweisen, wenn am Montag in Sachsen ein neues Schuljahr beginnt.

In der letzten Ferienwoche machte in Leipzig eine Aktion von Schülerinnen und Schülern des Reclam-Gymnasiums Schlagzeilen. Auf dem Burgplatz lasen sie vor, wie es ihnen geht. „Ich bin müde, weil mein Gehirn nie schlafen darf“, hieß es in einem Text. In einem anderen: „Verdammt, Schule, was tust du mir an? Du bringst mir bei, ich sei nicht genug.“ Vor einigen Monaten war an einer Pinnwand der erste Brief aufgetaucht. Mehr als 70 folgten, mittlerweile haben auch junge Menschen aus anderen Leipziger Schulen ihre Gedanken notiert.

Kaum Raum für Kreativität

„Mir stehen die Tränen in den Augen, wenn ich die Briefe lese“, gibt Margret Rasfeld zu. Die pensionierte Lehrerin für Bio und Chemie lebt seit knapp zwei Jahren in Leipzig. 2012 war sie Mitgründerin der Initiative „Schule im Aufbruch“. Sie setzt sich für eine neue Lernkultur ein, „die die Kinder nicht dauerbewertet und ihre Kreativität nicht systematisch unterdrückt“, erklärt die 71-Jährige. Bis 2016 leitete sie die vielbeachtete „Evangelische Schule Berlin Zentrum“.

Margret Rasfeld, 71, Chefin der Initiative „Schule im Aufbruch“. Die einstige Berliner Schulleiterin ist vor knapp zwei Jahren nach Leipzig gezogen. Die Stadt sei schon immer einer ihrer Favoriten gewesen, sagt sie.

Über einige Probleme des sächsischen Schulsystems wird immerhin ausgiebig diskutiert: Schulgebäude sind marode, die Digitalisierung stößt auf technische und didaktische Hürden, die Lehrpläne gelten als überfrachtet. Vor allem mangelt es an Lehrerinnen und Lehrern. Das Kultusministerium verkündete diese Woche zwar 1024 Neueinstellungen, doch eigentlich seien 1500 das Ziel gewesen, gestand Minister Christian Piwarz (CDU). Nach der Rechnung der Bildungsgewerkschaft GEW Sachsen fehlen 3000 Stellen.

Die Corona-Pandemie warf Licht auf die Schieflage. Doch erst allmählich gerät zudem eine Fehlentwicklung in den Blick, die durch die organisatorischen Probleme zwar verstärkt wird, aber nicht allein an ihnen liegt. „Ich habe nichts mehr: keinen Mut, keine Hoffnung, keine Lust, keine Kraft, keine Zeit“, steht in einem der Briefe. Die Schule verschlinge alles. „Vielen Schülerinnen und Schülern geht es sehr schlecht“, stellt Margret Rasfeld fest.

Stoff ausspucken auf Knopfdruck

Maria Hallitzky, Pädagogik-Professorin an der Uni Leipzig, kennt die Versagensängste, denen sich auch Schülerinnen und Schüler mit guten Noten ausgesetzt sehen. „Der Druck rührt nicht daher, dass sie grundsätzlich etwas lernen und leisten müssen“, erklärt sie. „Im Gegenteil: Zu lernen und Leistung zu erbringen, ist etwas zutiefst Menschliches.“ Wichtig sei aber, mit aktivierenden Lernformen die Gestaltungslust der jungen Menschen anzustacheln und eine Verbindung zwischen ihnen und dem Stoff herzustellen: „Mehr Wert auf das Lernen als auf das Abfragen zu legen.“

Maria Hallitzky ist an der Universität Leipzig Professorin für Allgemeine Didaktik und Schulpädagogik des Sekundarbereichs. Sie gibt häufig Seminare für künftige Lehrerinnen und Lehrer zu Beginn ihres Studiums.

Doch die Schülerinnen und Schüler sprechen eher vom „Bulimie-Büffeln“: auswendig lernen für die Klassenarbeit und danach alles wieder vergessen. Viele kriegen das zwar hin, bringen gute Noten nach Hause, und die Eltern schließen aus den Einsen, dass alles passt. Doch Corona habe die Wahrnehmung der Jugendlichen verändert, die vorher einfach funktioniert hätten, sagt Rasfeld. Als die Lockdowns vorbei waren, habe kaum jemand gefragt, wie es ihnen geht. „Vielmehr hieß es: Stoff, Stoff, Stoff.“ Die Lehrer brauchten Noten. Sie meinten es gut mit der Aufholjagd. Den Schülern jedoch wurde sonnenklar: Sie lernen für die Schule; mit dem Leben hat das nicht viel zu tun.

Nicht einmal mit jenem Ausschnitt des Lebens, der sich Arbeitsmarkt nennt: „Die Wirtschaft fragt nach kreativen Köpfen“, sagt Rasfeld. „Aber die Schule eicht die Leute darauf, Erwartungen zu erfüllen und Fehler zu fürchten.“ Die Zahl der Depressionen, Ess-Störungen, Suizidgefährdungen steigt. Der Ruf nach mehr Schulsozialarbeitern wird lauter. Auch den Lehrern macht die verfahrene Lage zu schaffen. Ihre Burnout-Rate ist so hoch wie in kaum einem anderen Beruf.

Herausragende Theorie, mangelhafte Praxis

Was also tun? An der Theorie scheitert die Schule in Sachsen wohl eher nicht. Hallitzky lobt die Lehrpläne dafür, dass sie zwischen verbindlichem und empfohlenem Stoff trennen, also eine Schwerpunktsetzung ermöglichen. Allerdings seien die Lehrkräfte mit widersprüchlichen Erwartungen konfrontiert. Rasfeld bezeichnet die Landesstrategie, die dem Unesco-Programm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ folgt, sogar als „herausragend gut“. Nur auf dem Weg in die Praxis geht offenbar etwas schief.

Aber es gibt auch Ansätze, die hoffen lassen. Die Leipziger Schule am Palmengarten machte vergangenes Schuljahr gute Erfahrungen damit, ab der siebten Klasse erst um 8.50 Uhr zu beginnen. Zwei Grundschulen experimentierten mit dem „Frei Day“: Vier Schulstunden pro Woche verwirklichten Viertklässler eigene Projekte. Sie hatten etwa die Idee, Plastikmüll zu sammeln, und legten selbst Hand an, den Abfall zu recyceln. Im kommenden Schuljahr führen 25 weitere Schulen in Sachsen den „Frei Day“ ein, 16 davon in Leipzig, wo Schulbürgermeisterin Vicki Felthaus (Grüne) die Patenschaft übernimmt. Auch das Reclam-Gymnasium ist dabei.

Das Konzept stammt von der Initiative „Schule im Aufbruch“. Die Projekte vermitteln Wissen, klar, aber vor allem befreien sie die Schülerinnen und Schüler von ihrem Ohnmachtsgefühl, sagt Initiatorin Margret Rasfeld. „Sie erfahren Sinn und Wirksamkeit. Sie merken: Wow, ich kann die Welt verändern.“ Genau darum geht es: nicht um die Schule – um ihr Leben.

Erscheinungsdatum 27.08.2022
Verlag / Sender LVZ
Quelle lvz.de